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Theorie

Avoid

AVOID beschreibt die Bewältigungsstrategie, unangenehmen Gefühlen, Herausforderungen oder innerem Druck auszuweichen, statt sich direkt damit auseinanderzusetzen. Diese Vermeidung kann sich durch Aufschieben, Ablenkung oder inneren Rückzug zeigen und äußert sich in den drei Demons Prokrastination, Verzettelung und Leere.

Mehr über Coping: Avoid

Warum wir manchmal lieber ausweichen, als uns einer Herausforderung zu stellen

Nicht jede Form der Selbstsabotage ist offensichtlich. Manchmal besteht sie gerade darin, dass etwas nicht passiert.

Eine Entscheidung wird nicht getroffen. Ein unangenehmes Thema bleibt unausgesprochen. Eine wichtige Aufgabe wird immer wieder durch andere Tätigkeiten ersetzt.

Dabei muss der betroffenen Person keineswegs unklar sein, was notwendig wäre.

Häufig weiß sie genau, welche Handlung aussteht und welche Konsequenzen ihre Untätigkeit haben könnte. Trotzdem erscheint es im entscheidenden Moment leichter, sich mit etwas anderem zu beschäftigen.

Vermeidung entsteht nicht zwangsläufig, weil uns ein Ziel unwichtig ist. Manchmal vermeiden wir gerade die Erfahrungen, die mit dem Erreichen dieses Ziels verbunden wären.

Innerhalb von 9DEMONS® beschreibt AVOID eine Schutzstrategie, bei der die Konfrontation mit einer als unangenehm oder bedrohlich empfundenen Situation reduziert wird.

Dieser Abstand kann durch Aufschieben, Ablenkung oder inneren Rückzug entstehen.

Die gemeinsame psychologische Funktion besteht darin, eine belastende Erfahrung vorübergehend nicht erleben oder sich zumindest weniger intensiv mit ihr auseinandersetzen zu müssen.

Das unterscheidet Vermeidung von gewöhnlicher Untätigkeit.

Nicht jede Handlung, die ausbleibt, wird vermieden. Manchmal fehlen die notwendigen Ressourcen, Informationen oder Fähigkeiten. Manchmal ist eine Aufgabe tatsächlich nicht wichtig genug, um sie auszuführen.

Von psychologisch relevanter Vermeidung sprechen wir insbesondere dann, wenn der Abstand zu einer unangenehmen Erfahrung selbst zu einem wesentlichen Grund dafür wird, weshalb eine eigentlich beabsichtigte Auseinandersetzung ausbleibt.

Was Vermeidung tatsächlich verhindert

Auf den ersten Blick scheint Vermeidung auf äußere Situationen gerichtet zu sein.

Wir führen ein Gespräch nicht, verschieben eine Entscheidung oder beschäftigen uns nicht mit einem bestimmten Problem.

Psychologisch kann jedoch etwas anderes im Mittelpunkt stehen: die innere Erfahrung, die wir mit dieser Situation erwarten.

Eine verbindliche Entscheidung bedeutet möglicherweise, Verantwortung für ihre Konsequenzen übernehmen zu müssen.

Eine öffentliche Positionierung eröffnet die Möglichkeit, kritisiert oder abgelehnt zu werden.

Eine ehrliche Auseinandersetzung mit den eigenen Zielen könnte sichtbar machen, dass bisherige Entscheidungen nicht mehr zu dem Leben passen, das wir eigentlich führen möchten.

Solche Erfahrungen können mit Angst, Scham, Unsicherheit, Enttäuschung oder anderen unangenehmen Gefühlen verbunden sein.

Wir vermeiden deshalb nicht immer die äußere Herausforderung selbst, sondern manchmal vor allem das, was wir befürchten, durch sie fühlen oder über uns erkennen zu müssen.

Warum die erwartete Erfahrung so entscheidend ist

Menschen reagieren nicht ausschließlich auf tatsächliche Gefahren. Auch die Erwartung einer unangenehmen Erfahrung kann unser Verhalten beeinflussen.

In der Psychologie wird in diesem Zusammenhang unter anderem von antizipatorischen Emotionen gesprochen: Gefühle, die bereits entstehen, während wir uns mögliche zukünftige Ereignisse vorstellen.

Wer eine schwierige Verhandlung erwartet, kann angespannt sein, obwohl das Gespräch noch gar nicht begonnen hat.

Wer eine Entscheidung mit möglichem Scheitern verbindet, kann die befürchtete Enttäuschung bereits im Voraus erleben.

Damit entsteht ein bemerkenswerter Zusammenhang.

Die eigentliche Herausforderung liegt noch in der Zukunft. Die unangenehme Reaktion darauf ist jedoch bereits in der Gegenwart spürbar.

Durch Vermeidung lässt sich diese gegenwärtige Belastung möglicherweise reduzieren.

Das erklärt, weshalb Menschen manchmal Entscheidungen hinauszögern, obwohl die objektiven Konsequenzen des Aufschubs ungünstiger sein könnten als die Risiken der eigentlichen Handlung.

Die Vermeidung richtet sich dann gegen eine erwartete Erfahrung, deren tatsächlicher Verlauf noch gar nicht überprüft wurde.

Wenn wir auch unserem eigenen Erleben ausweichen

Vermeidung muss sich nicht auf äußere Ereignisse beziehen.

Menschen können ebenso versuchen, Abstand zu Gedanken, Gefühlen und körperlichen Empfindungen herzustellen.

In der Psychologie wird hierfür unter anderem der Begriff Experiential Avoidance, also Erlebensvermeidung, verwendet.

Gemeint sind Versuche, unangenehme innere Erfahrungen nicht erleben zu müssen oder ihre Intensität und Häufigkeit zu verändern – selbst dann, wenn dieses Vorgehen langfristig ungünstige Folgen hat.

Das kann bedeuten, belastende Gedanken immer wieder zu verdrängen, sich durch Beschäftigung abzulenken oder die Auseinandersetzung mit persönlichen Bedürfnissen zu vermeiden.

Dabei ist nicht jede Ablenkung problematisch.

Eine bewusste Pause kann helfen, Belastung zu regulieren. Vorübergehende Distanz kann notwendig sein, um eine schwierige Erfahrung zu verarbeiten.

Entscheidend ist, ob die Person anschließend wieder in der Lage ist, sich der relevanten Erfahrung zuzuwenden.

Vermeidung wird vor allem dann einschränkend, wenn nicht mehr die Situation bestimmt, ob wir uns mit etwas auseinandersetzen, sondern unser Bedürfnis, die damit verbundene Belastung nicht erleben zu müssen.

Warum Vermeidung kurzfristig so gut funktioniert

Vermeidung besitzt einen unmittelbaren psychologischen Vorteil: Sie kann die Belastung reduzieren, ohne dass das zugrunde liegende Problem bereits gelöst werden muss.

Eine unangenehme Entscheidung muss vorerst nicht getroffen werden. Eine mögliche Ablehnung bleibt aus. Eine belastende Erkenntnis kann weiterhin auf Abstand gehalten werden.

Diese Erleichterung kann dazu beitragen, dass das vermeidende Verhalten beim nächsten Mal wahrscheinlicher wird.

Die Lernpsychologie beschreibt einen solchen Zusammenhang durch negative Verstärkung.

Wird eine unangenehme Erfahrung durch ein bestimmtes Verhalten reduziert, kann diese Konsequenz das Verhalten verstärken.

Der Mechanismus erklärt jedoch noch nicht das gesamte Problem.

Die langfristig entscheidende Wirkung von Vermeidung liegt häufig darin, dass eine Erfahrung ausbleibt, aus der wir etwas Neues hätten lernen können.

Wenn unsere Befürchtungen ungeprüft bleiben

Menschen entwickeln Erwartungen darüber, wie bestimmte Situationen verlaufen werden.

Wir erwarten möglicherweise, dass eine kritische Rückmeldung unseren Ruf beschädigt, dass eine Auseinandersetzung eine Beziehung gefährdet oder dass wir mit einer bestimmten Verantwortung überfordert wären.

Solche Erwartungen können berechtigt sein. Sie können aber auch unvollständig oder übertrieben ausfallen.

Um das zu erkennen, benötigen wir Erfahrungen, die eine realistischere Einschätzung ermöglichen.

Genau diese Erfahrungen bleiben bei anhaltender Vermeidung häufig aus.

Wer ein unangenehmes Gespräch nie führt, erfährt nicht, wie die andere Person tatsächlich reagiert.

Wer sich nie sichtbar positioniert, kann nicht überprüfen, ob die erwartete Kritik überhaupt eintritt und wie gut er damit umgehen könnte.

Wer bestimmte Gefühle dauerhaft auf Abstand hält, sammelt möglicherweise wenig Erfahrung darin, sie auszuhalten, ohne unmittelbar reagieren zu müssen.

Dadurch können ursprüngliche Befürchtungen bestehen bleiben, obwohl die tatsächlichen Bedingungen längst eine andere Bewertung rechtfertigen würden.

Vermeidung verhindert nicht nur Misserfolge

Eine häufig übersehene Konsequenz besteht darin, dass Vermeidung nicht ausschließlich negative Erfahrungen verhindert.

Sie verhindert möglicherweise auch positive oder korrigierende Erfahrungen.

Wer keine Risiken eingeht, kann bestimmte Fehler vermeiden. Er verzichtet jedoch zugleich auf Gelegenheiten, die eigenen Fähigkeiten weiterzuentwickeln.

Wer schwierige Gespräche umgeht, muss keine unmittelbare Ablehnung erleben. Er erfährt aber möglicherweise auch nicht, dass Konflikte konstruktiv gelöst werden können.

Und wer unangenehme Gefühle grundsätzlich vermeidet, entdeckt unter Umständen nicht, dass diese Gefühle vorübergehen können, ohne dass er sie aktiv beseitigen muss.

In der psychologischen Forschung spielt solches neues Lernen eine wichtige Rolle bei der Veränderung von Vermeidungsverhalten.

Dabei muss die befürchtete Erfahrung nicht vollständig ausbleiben.

Auch die Erkenntnis, mit einem tatsächlich unangenehmen Ergebnis umgehen zu können, kann eine bisherige Erwartung verändern.

Die entscheidende Erfahrung ist nicht immer, dass nichts Schlimmes passiert. Manchmal ist es die Erkenntnis, dass wir mit unangenehmen Konsequenzen besser umgehen können, als wir erwartet haben.

Warum Vermeidung nicht immer wie Vermeidung aussieht

Viele Menschen verbinden Vermeidung mit Passivität.

Doch vermeidendes Verhalten kann mit erheblicher Aktivität verbunden sein.

Wer eine notwendige Entscheidung nicht treffen möchte, kann sich intensiv mit zusätzlichen Informationen beschäftigen.

Wer sich nicht auf eine Priorität festlegen will, kann zahlreiche neue Möglichkeiten untersuchen.

Und wer den Kontakt zu unangenehmen inneren Erfahrungen reduziert, kann nach außen weiterhin zuverlässig funktionieren und außergewöhnliche Leistungen erbringen.

Die Aktivität selbst muss dabei keineswegs sinnlos sein.

Recherchen können wichtige Erkenntnisse liefern. Zusätzliche Informationen können Entscheidungen verbessern. Neue Geschäftsideen können wirtschaftlich vielversprechend sein.

Deshalb lässt sich Vermeidung nicht allein daran erkennen, dass jemand viele Aufgaben übernimmt oder eine Entscheidung verschiebt.

Entscheidend ist, welche Auseinandersetzung durch das Verhalten ausbleibt und welche Funktion dieser Umweg erfüllt.

Die scheinbar vernünftige Verschiebung

Vermeidung kann besonders schwer erkennbar sein, wenn sich der Aufschub sachlich begründen lässt.

Es fehlen noch Informationen. Die wirtschaftliche Lage ist angespannt. Der Zeitpunkt erscheint ungünstig. Zunächst müssen andere Aufgaben abgeschlossen werden.

Jeder dieser Gründe kann berechtigt sein.

Problematisch wird es, wenn die Voraussetzungen für eine Handlung immer wieder verändert werden, sobald sie eigentlich erfüllt wären.

Dann könnte die zusätzliche Bedingung weniger der Verbesserung der Entscheidung dienen als der Verlängerung des Abstands zur eigentlichen Herausforderung.

Ein hilfreiches Unterscheidungsmerkmal ist deshalb, ob sich konkret benennen lässt, welche Information oder Voraussetzung noch fehlt und was anschließend tatsächlich geschehen soll.

Wer seine Entscheidung an überprüfbare Bedingungen knüpft, kann bewusst abwarten.

Wer immer neue Bedingungen entwickelt, ohne dem entscheidenden Schritt näherzukommen, könnte dagegen eine belastende Festlegung vermeiden.

Wenn sogar Selbstreflexion zum Ausweichen wird

Auch die intensive Beschäftigung mit der eigenen Persönlichkeit führt nicht automatisch zu Veränderung.

Menschen können ihre Verhaltensmuster präzise analysieren, deren Ursachen verstehen und ausführlich darüber sprechen, weshalb ihnen bestimmte Handlungen schwerfallen.

Diese Einsichten können wertvoll sein.

Sie können jedoch ebenfalls eine vermeidende Funktion übernehmen, wenn das Verstehen dauerhaft an die Stelle der notwendigen Erfahrung tritt.

Dann wird immer weiter untersucht, weshalb eine Entscheidung unangenehm erscheint, ohne die Entscheidung tatsächlich zu treffen.

Oder es werden weitere Erklärungen für die eigene Unsicherheit gesucht, obwohl bereits ausreichend Klarheit besteht, um einen angemessenen nächsten Schritt zu gehen.

Du kannst sehr genau verstehen, weshalb du etwas vermeidest, und trotzdem weiterhin vermeiden, es tatsächlich zu erleben.

Damit ist Erkenntnis nicht bedeutungslos. Sie allein beseitigt jedoch nicht zwangsläufig die Bedingungen, unter denen das vermeidende Verhalten auftritt.

Wie Vermeidung den eigenen Handlungsspielraum begrenzen kann

Die Folgen von Vermeidung bestehen nicht ausschließlich aus unerledigten Aufgaben oder versäumten Gelegenheiten.

Wiederholtes Ausweichen kann auch beeinflussen, welche Situationen wir uns künftig überhaupt noch zutrauen.

Wer bestimmten Anforderungen langfristig fernbleibt, sammelt dort weniger Erfahrungen.

Fähigkeiten werden möglicherweise nicht ausreichend entwickelt. Unsicherheiten bleiben bestehen. Und Aufgaben, die zunächst überschaubar gewesen wären, können mit der Zeit zusätzliche Konsequenzen erzeugen.

Eine notwendige Auseinandersetzung wird beispielsweise nicht zwangsläufig leichter, nur weil sie mehrere Monate verschoben wurde.

Inzwischen können sich Missverständnisse verstärkt, wirtschaftliche Nachteile angesammelt oder persönliche Erwartungen verändert haben.

Dadurch wird die ursprüngliche Herausforderung tatsächlich komplizierter.

Wenn die Folgen das Ausweichen bestätigen

Unter bestimmten Bedingungen kann daraus eine sich verstärkende Dynamik entstehen.

Eine Situation erscheint unangenehm und wird vermieden.

Durch das Ausweichen bleiben wichtige Erfahrungen aus oder die tatsächlichen Konsequenzen nehmen zu.

Bei der nächsten Konfrontation wirkt die Situation deshalb noch schwieriger.

Die erneute Vermeidung erscheint dadurch umso naheliegender.

Dabei muss die ursprüngliche Befürchtung keineswegs vollständig unbegründet gewesen sein.

Gerade reale Risiken können durch wiederholtes Ausweichen größer werden.

Vermeidung schützt uns möglicherweise vor einer unmittelbaren Belastung, kann aber dazu beitragen, dass wir später einer schwierigeren Version derselben Herausforderung gegenüberstehen.

Nicht jede Vermeidung führt zu einer solchen Entwicklung.

Manche Probleme verlieren mit der Zeit tatsächlich an Bedeutung. Andere lassen sich durch bewusstes Abwarten besser lösen.

Entscheidend ist, ob der zeitliche Abstand neue Handlungsmöglichkeiten schafft oder bestehende Möglichkeiten zunehmend einschränkt.

Drei unterschiedliche Formen von AVOID

Die Grundfunktion der Vermeidung kann in unterschiedlichen Bereichen unserer Selbststeuerung auftreten.

Innerhalb von 9DEMONS® unterscheiden wir deshalb drei Demons, die derselben Coping-Strategie zugeordnet sind:

Prokrastination, Verzettelung und Leere.

Sie unterscheiden sich nicht primär darin, wie stark jemand vermeidet, sondern darin, welcher Regulationsbereich betroffen ist.

Prokrastination: Die Handlung vermeiden

Bei Prokrastination betrifft die Vermeidung den Bereich DRIVE.

Eine beabsichtigte Handlung wird aufgeschoben, obwohl ihre Ausführung grundsätzlich möglich wäre und mit dem Aufschub voraussichtlich Nachteile verbunden sind.

Im Mittelpunkt kann die unmittelbare Konfrontation mit Anstrengung, Unsicherheit, Verantwortung oder möglichen Konsequenzen stehen.

Die unangenehme Handlung bleibt aus. Dadurch kann kurzfristig Erleichterung entstehen.

Der langfristige Preis liegt darin, dass die beabsichtigte Veränderung nicht stattfindet.

Prokrastination schützt vor der Erfahrung, die mit dem tatsächlichen Handeln verbunden wäre.

Verzettelung: Die Aufmerksamkeit umlenken

Bei Verzettelung betrifft die Vermeidung den Bereich FOCUS.

Statt die eigene Aufmerksamkeit auf eine bestimmte relevante Aufgabe oder Entscheidung auszurichten, werden immer neue Tätigkeiten, Informationen oder Möglichkeiten verfolgt.

Dadurch muss die ursprüngliche Anforderung möglicherweise nicht in der notwendigen Tiefe bearbeitet werden.

Anders als bei bloßer Konzentrationsschwäche kann die Ablenkung dabei eine psychologische Schutzfunktion erfüllen.

Die Beschäftigung mit Alternativen reduziert möglicherweise die Konfrontation mit einer unangenehmen Priorität oder verbindlichen Festlegung.

Verzettelung schützt, indem die Aufmerksamkeit immer wieder von der eigentlichen Herausforderung weggeführt wird.

Leere: Dem eigenen Erleben ausweichen

Bei Leere betrifft die Vermeidung den Bereich STATE.

Hier steht nicht eine konkrete äußere Handlung oder Aufmerksamkeitsaufgabe im Mittelpunkt, sondern die Distanzierung vom eigenen inneren Erleben.

Unangenehme Gefühle, unerfüllte Bedürfnisse oder persönliche Konflikte können zunehmend aus der bewussten Auseinandersetzung herausgehalten werden.

Die Person kann dennoch leistungsfähig bleiben und ihren Alltag zuverlässig bewältigen.

Problematisch wird es, wenn der fehlende Kontakt zum eigenen Erleben dazu beiträgt, dass wichtige persönliche Bedürfnisse dauerhaft unbeachtet bleiben.

Leere beschreibt innerhalb von 9DEMONS® die vermeidende Distanzierung von inneren Erfahrungen, mit denen eine Auseinandersetzung notwendig wäre.

Dabei gilt ausdrücklich: Nicht jede empfundene innere Leere ist Ausdruck psychologischer Vermeidung. Der Demon bezieht sich auf den entsprechenden Bewältigungsmechanismus, nicht auf sämtliche möglichen Ursachen dieses Erlebens.

Dieselbe Schutzstrategie, unterschiedliche Auswirkungen

Bei Prokrastination bleibt eine Handlung aus. Bei Verzettelung wird die Aufmerksamkeit umgelenkt. Bei Leere wird der Kontakt zum inneren Erleben eingeschränkt.

Alle drei Mechanismen können Distanz zu einer belastenden Erfahrung schaffen.

Ihre sichtbaren Auswirkungen unterscheiden sich jedoch erheblich.

Deshalb genügt es nicht, eine Person allgemein als vermeidend zu beschreiben.

Entscheidend ist, wovon sie Abstand nimmt, welche Belastung dadurch reduziert wird und welche Konsequenzen daraus im jeweiligen Regulationsbereich entstehen.

Wie wir lernen, uns Herausforderungen wieder zu stellen

Die Veränderung von Vermeidungsverhalten beginnt nicht damit, sich für mehr Mut oder Disziplin zu entscheiden.

Entscheidend ist, dass neue Erfahrungen möglich werden, die durch das bisherige Ausweichen regelmäßig verhindert wurden.

Dafür muss zunächst klar sein, welche konkrete Erfahrung vermieden wird.

Geht es um die Möglichkeit einer negativen Bewertung? Um Verantwortung für eine verbindliche Entscheidung? Um eine unangenehme Emotion? Oder um die Befürchtung, den Anforderungen einer Situation nicht gewachsen zu sein?

Diese Unterscheidung ist wichtig, weil nicht jede vermeidende Reaktion dieselbe Veränderung benötigt.

Annäherung statt vollständiger Sicherheit

Eine wichtige Möglichkeit besteht darin, den Kontakt mit bisher vermiedenen Situationen schrittweise wiederherzustellen.

Dabei geht es nicht darum, sich wahllos möglichst großen Belastungen auszusetzen.

Vielmehr werden unter angemessenen und sicheren Bedingungen Erfahrungen ermöglicht, die eine realistischere Bewertung der Situation erlauben.

Wer beispielsweise mögliche Ablehnung fürchtet, kann lernen, solche Reaktionen auszuhalten, ohne die eigene Handlungsfähigkeit davon abhängig zu machen.

Wer schwierige Entscheidungen vermeidet, kann Erfahrungen damit sammeln, trotz verbleibender Unsicherheit eine begründete Wahl zu treffen.

Und wer unangenehme innere Erfahrungen auf Abstand hält, kann schrittweise lernen, ihnen Aufmerksamkeit zu schenken, ohne sie unmittelbar beseitigen zu müssen.

In der klinischen Psychologie spielen bei bestimmten Vermeidungsproblemen entsprechende Annäherungs- und Expositionsverfahren eine wichtige Rolle. Ihre konkrete Anwendung hängt allerdings von der jeweiligen Problematik ab und lässt sich nicht pauschal auf jede unternehmerische Schwierigkeit übertragen.

Das zugrunde liegende Lernprinzip ist dennoch relevant:

Neue Handlungsmöglichkeiten entstehen häufig erst dann, wenn wir Erfahrungen zulassen, die unsere bisherige Schutzreaktion verhindert hat.

Warum es nicht darum geht, die Angst sofort loszuwerden

Ein häufiger Irrtum besteht darin, Fortschritt daran zu messen, ob eine unangenehme Reaktion vollständig verschwindet.

Doch eine schwierige Entscheidung kann weiterhin Unsicherheit auslösen, selbst wenn wir längst gelernt haben, angemessen mit ihr umzugehen.

Eine öffentliche Positionierung kann weiterhin Kritik ermöglichen. Ein wichtiges Gespräch kann unangenehm bleiben.

Die entscheidende Veränderung besteht deshalb nicht zwangsläufig darin, dass diese Erfahrungen ihren emotionalen Einfluss vollständig verlieren.

Sie besteht darin, dass sie unser Verhalten nicht mehr automatisch verhindern.

Das kann auch bedeuten, die ursprünglichen Erwartungen zu überprüfen.

Welche Konsequenz wurde befürchtet? Was ist tatsächlich eingetreten? Welche Fähigkeiten standen zur Verfügung? Und was lässt sich aus dem Ergebnis für ähnliche Situationen ableiten?

Dabei können sowohl positive als auch negative Erfahrungen hilfreich sein.

Ein Gespräch kann tatsächlich schwierig verlaufen. Trotzdem kann sich zeigen, dass die Auseinandersetzung bewältigbar war und neue Handlungsmöglichkeiten geschaffen hat.

Vermeidung bewusst wählen können

Nicht jede Situation verlangt Konfrontation.

Es kann vernünftig sein, Risiken zu begrenzen, eine Entscheidung zu verschieben oder sich von einer belastenden Situation zurückzuziehen.

Entscheidend ist, ob diese Reaktion aus einer angemessenen Bewertung entsteht oder hauptsächlich dadurch bestimmt wird, dass wir eine bestimmte innere Erfahrung nicht erleben möchten.

Wer Vermeidung verändert, muss deshalb nicht lernen, grundsätzlich mehr Risiken einzugehen.

Er muss lernen, zwischen notwendigem Schutz und unnötiger Einschränkung unterscheiden zu können.

AVOID verliert seinen begrenzenden Einfluss, wenn du unangenehmen Erfahrungen nicht mehr automatisch ausweichen musst, sondern bewusst entscheiden kannst, ob du dich ihnen stellst.

Damit wird Vermeidung wieder zu einer möglichen Reaktion unter mehreren – statt zu einer unsichtbaren Bedingung dafür, welche Entscheidungen, Handlungen und Erfahrungen überhaupt infrage kommen.

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